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Auf Augenhöhe mit jedem Kapitän

20 / 10.05.2010

Clemens Raabe, 74, bis 1978 Leiter des Container Terminals Burchardkai, über den Wandel in der Seefahrt.

 

1968 war ein Jahr des Umbruchs. Für die HHLA, aber auch für Clemens Raabe. Seit langer Zeit fuhr der Diplom-Betriebswirt als Kapitän eines Stückgutfrachters hauptsächlich an der Ostküste der USA. Dort fiel ihm auf, dass Schiffe ihre Fracht zunehmend in Containern transportierten. »Ich habe mir gesagt, der Boxenverkehr wird die Seefahrt gravierend verändern«, erinnert sich Raabe. Seine Schlussfolgerung: Er ging an Land – und heuerte bei der HHLA an.

 

Auch dort hatte man den Wandel nicht nur registriert, sondern bereits reagiert. Seit Ende 1965 existierten Pläne, am Burchardkai die erste Spezialanlage für den Containerumschlag zu errichten. Die ersten Brücken wurden 1967 aufgebaut, ein Jahr darauf begann das »richtige« Containerzeitalter mit der Ankunft des ersten Schiffes, dessen Ladung ausschließlich aus Metallboxen bestand. Der Terminal Operator: Clemens Raabe.

 

Sein neuer Titel entsprach einer veränderten Welt. Früher endete der Arbeitsbereich des Lademeisters an der Kaikante. Für die Beladung des Schiffes waren Stauer zuständig, für den Soll-Ist-Vergleich von Art und Menge der Waren der Tallymann. Im Containerverkehr fielen beide Berufe weg. »Von da an transportierte der Terminal den Container aufs Schiff«, erläutert Raabe. »Entsprechend muss der Operator etwas vom Trimmen, vom Verhalten bei schwerem Wetter und von der Stabilität eines Schiffes verstehen. Es ist also wichtig, dass der Operator die gleiche Sprache wie der Kapitän spricht.« Für Raabe mit seinem Kapitänspatent kein Problem.

 

Bis 1978 leitete er den Burchardkai – und erlebte einen beispiellosen Aufschwung der inzwischen privatisierten HHLA. Im Herbst 1968 kamen bereits vier bis fünf Vollcontainerschiffe pro Woche zum Burchardkai. 1972 standen sechs Containerbrücken an sechs Liegeplätzen zur Verfügung, die die immer größer werdenden Frachter zu jeder Tageszeit abfertigten. Zeitgleich wurde der Terminal fortwährend ausgebaut und erweitert, um mit dem sich rapide entwickelnden Umschlag Schritt zu halten.

 

»Das war viel Learning-By-Doing«, bilanziert Raabe. »Unterm Strich hat die neue Technik aber keine Probleme in der Belegschaft verursacht. Wir haben die Leute umgeschult und anschließend verdienten sie am Terminal pro Schicht mehr als am Schuppen.« Der Erfolg: Mitte der Achtziger Jahre wurden in Hamburg erstmalig mehr als eine Million Container bewegt.

 

Zu dieser Zeit war Raabe allerdings schon in der Zentrale der HHLA tätig, wo er für Vertrieb und Marketing zuständig war. Später wechselte er zur HHLA-Tochter Hamburg Port Consulting (HPC), einer der weltweit führenden Beratungsunternehmen im Bereich Transportlogistik, die maßgeschneiderte Lösungen insbesondere für Häfen mit dem Schwerpunkt Container-Terminals bietet.

 

Natürlich fehlte Raabe zwischendurch die hohe See. Aber auch für diesen Wunsch fand er eine findige Umsetzung: Während andere in der Sonne lagen, machte er als Kapitän Urlaub. Auf Containerschiffen, versteht sich.