Schwindelfrei in 40 Metern Höhe
4 / 17.03.2010
Warum Franziska Müller, 24, Containerbrückenfahrerin auf dem HHLA Container Terminal Burchardkai, ihren Job im Büro an den Nagel gehängt hat.
Ihr Arbeitsplatz ist schwer zu erreichen. Im Winter ist er manchmal zu kalt, im Sommer zu heiß. Gelegentlich stinkt es nach verbranntem Diesel. Die breitbeinige Sitzposition ist vorgegeben, schwindelfrei muss man sein und ordentlich durchgerüttelt wird man auch, im Schichtdienst natürlich. Dennoch: Franziska Müller möchte nirgendwo anders arbeiten als auf der mehrere Millionen Euro teuren Containerbrücke, als »schwebende Herrin«, wie die Tageszeitung »Die Welt« sie einst bezeichnete.
Die 24jährige ist eine von insgesamt vier Frauen, die ihr Brückenpatent am Container Terminal Burchardkai (CTB) gemacht haben. Als angehende Bürokauffrau bei der HHLA stieg sie im Rahmen einer Betriebsbegehung auch in die gläserne Kanzel, die in 40 Metern Höhe schwebt und von der aus die bis zu 40 Tonnen schweren Container mit nahezu chirurgischer Präzision be- oder entladen werden. »Von diesem Moment habe ich allen gesagt, dass ich die erste Brückenfahrerin werde«, erinnert sich Müller.
Dabei wurden damals keine Frauen im Seegütertransport ausgebildet. Das änderte sich 2008, zum Unwillen mancher Traditionalisten in der klassischen Männerdomäne. Müller bewarb sich, absolvierte eine mehrmonatige Zusatzausbildung, trainierte am Simulator, am Übungscontainer und absolvierte erste »Gänge«: Vier Stunden lang bediente sie die beiden Schalthebel über dem gläsernen Kanzelboden, weitere vier Stunden wies sie per Funk vom Schiffsdeck einen Kollegen ein. »Eine Brücke hat einen ordentlichen toten Winkel«, erläutert Müller diese Arbeitsteilung. »Außerdem darf man nie vergessen, dass unten Menschen sind, dass man enorme Werte am Haken hat.« Müller bestand ohne Probleme.
Als sie ihre erste »richtige« Schicht auf einer der 27 Brücken fuhr, stand sie allerdings unter massiver Beobachtung: Pressevertreter waren anwesend – und wohl alle 139 männlichen Kollegen. Sie befördern durchschnittlich 30 Container in der Stunde vom Schiff auf die Löschplattform. Müller brachte es auf 25 – und dies unter dem enormen Druck. »Ich war zwei Meter groß«, sagt sie.
Neben den Brückenfahrerinnen sind inzwischen auch sechs Van-Carrier-Fahrerinnen auf dem CTB im Einsatz. Ist der Anteil an Frauen auch noch verhältnismäßig klein, so verändert er bereits die Kultur. »In Anwesenheit von Frauen lässt die Sprücheklopferei der Männer nach, ist der Ton nicht mehr so rau«, hat Carsten Dolland bemerkt, technischer Ausbilder am CTB. Wobei Franziska Müller mit der Sprache im Hafen kein Problem hat: »Ich liebe das Gerade, den lockeren Schnack – da weiß man gleich, woran man ist.«
Wo sie mal hin will, weiß sie auch schon. Gerade absolviert sie eine Weiterbildung zum Fachwirt für Hafen-Logistik. Daneben gibt es aber durchaus weitere Ziele. Die Terminals anderer Häfen nämlich, dort, wo ebenfalls hochmoderne Containerbrücken zu finden sind.
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