Standard kann jeder
43 / 28.07.2010
Michael Harth, 43, Betriebsleiter bei der Unikai Lagerei- und Speditionsgesellschaft, über die Freuden ungewöhnlicher Ladung.
„Mein Vater hat mich damals mitgenommen, als das heutige LZU gebaut wurde“, denkt Michael Harth zurück und zeigt Richtung Vorhafen. „Ich durfte mit rauf auf den Mobilkran, saß in der Kanzel!“ Die Familientradition reicht noch weiter zurück, schon sein Großvater arbeitete am Schuppen 74. Das war sicher ein Grund für seine Berufswahl, die Michael Harth nie bereut hat. Betriebsleiter auf dem letzten echten Mehrzweckterminal im Hamburger Hafen – das wird nie langweilig!
„Das schöne an dieser Position ist, dass ich nicht an den Schreibtisch gefesselt bin“, erzählt Harth. „Jeden Tag kommt neue Ladung, für die wir spezielle Lösungen finden müssen. Und auch der Standard läuft nicht von allein.“ Mit dem Standard meint er die Tausenden, mit weißer Schutzfolie beklebten Neuwagen. Sie warten auf den Parkflächen vor seinem Fenster auf das RoRo-Schiff, über dessen Rampe sie sich einschiffen dürfen.
Zu einem großen Teil lebt Unikai von der Automobillogistik für einige wenige deutsche Hersteller. Die bewegen zwar große Mengen, verlangen aber für jedes Fahrzeug eine präzise, individuelle Behandlung. Man könnte sagen: Die Autohersteller schicken das grobe Schnittmuster, die Maßarbeit kommt von Unikai. Das funktioniert nur mit leistungsfähiger, gut vernetzter Software. Michael Harth kann im PC auf seinem Schreibtisch jeden Pkw einzeln aufrufen. Als Betriebsleiter muss er zweierlei im Blick behalten: den großen Plan, der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit garantiert, und die vielen Änderungen, die alles wieder umwerfen.
„Schifffahrt wird auf See gemacht“, bemerkt Harth trocken. „Ob ein Schiff kommt, weiß man erst, wenn es da ist.“ Sobald klar ist, wann das Schiff genau anläuft, ist der ganze Ablauf fast bis auf die Minute planbar. Zuerst geht das Team die vorgegebene Stauplanung für das Schiff durch. Die Autos müssen in der umgekehrten Reihenfolge auf das Schiff, also für den letzten Hafen zuerst, und gleiche Typen sollen möglichst nebeneinander stehen, um Platz zu sparen. Außerdem gibt es eine Reihe individueller Vorgaben für das seefeste Laschen der Autos. Sind größere Fahrzeuge wie etwa Mähdrescher und Baumaschinen dabei, dürfen nur bestimmte Mitarbeiter die komplizierten Geräte starten und fahren. „Da muss oft erst ein Computer hochgefahren werden, dafür müssen wir regelmäßig auf Lehrgänge“, erzählt Harth.
Richtig interessant wird es bei Fahrzeugen, die Destinationen erreichen sollen, zu denen keine RoRo-Schiffe verkehren. Dann übernimmt die Speditionsabteilung von Unikai oft die komplette Verschiffung inklusive „Papierkram“ wie der Zollabfertigung. Hamburg ist zum Glück ein Hafen, der regelmäßige Linienverkehre mit nahezu allen Regionen der Welt bietet. Kfz verschwinden meist in der langen Reihe von Containern, die an der Kaikante aufgereiht stehen, und werden anschließend zu den Containerterminals gefahren. Für überdimensionierte Maschinen, die etwa aus Amerika kommen und für die Baumwollernte in Kasachstan gebraucht werden, müssen sich die Mitarbeiter von Unikai etwas mehr Gedanken machen. „Deshalb sind unsere Kunden ja so zufrieden“, glaubt der Betriebsleiter. „Standard kann jeder, aber uns machen die ungewöhnlichen Herausforderungen Spaß!“
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