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Heimat HHLA

45 / 04.08.2010

Wie Jürgen Pfarre, 69, über Jahre die Mitarbeiter-Kultur der HHLA gepflegt hat.

 

Nach seiner Ausbildung ging der 21-jährige Jürgen Pfarre direkt in den Ruhestand. Was wie der Traum jedes pubertierenden Schülers klingt, war für Jürgen Pfarre eine Enttäuschung. Denn er, der 1959 eine Lehre zum Speditionskaufmann bei der HHLA begonnen hatte, wollte nach dem Abschluss eigentlich in der Immobilienabteilung arbeiten. Stattdessen wurde er in die Personalabteilung versetzt, Bereich P 4, eben Ruhestand.

Für die HHLA selbst entpuppte sich diese Entscheidung allerdings als Glücksfall. Denn der junge Mann sollte sich als eine Konstante des Hauses entpuppen, die die Mitarbeiter-Kultur über Jahre pflegte und ausbaute. „Mein Prinzip war es immer, dass der Mensch als Mensch wahrgenommen wird nach dem Motto mehr Arbeitszufriedenheit gleich bessere Leistung“, bilanziert Pfarre heute, der Ende 2004 aus dem aktiven Dienst ausschied. „Die auf allen Ebenen sehr geringe Fluktuation ist ein schöner Beweis, dass wir es richtig machten.“

Entscheidend war die Frage im Jahr 1966, ob er nicht den Posten des Lehrlingsausbilders übernehmen wolle. Pfarre, der nach der Ausbildung seinen Einberufungsbescheid erhalten hatte und während des Lehrgangs zum Unteroffizier  aufstieg, bemerkte, wie viel Vergnügen ihm das Unterrichten bereitete, sagte sofort zu. Kurz darauf wurde die Abteilung Personal-Ausbildung und –Systeme (PA) gegründet, die Pfarre ab 1973 leitete.

Armee und HHLA überschnitten sich in der Person von Jürgen Pfarre mehrere Male. So entdeckte er zufällig, während er Wache schob, ein Buch des Management-Gurus Peter F. Drucker. Dessen Ziel wurde auch Pfarres Ziel: „Menschen durch gemeinsame Werte, Ziele und Strukturen, durch Aus- und Weiterbildung in die Lage zu versetzen, eine gemeinsame Leistung zu vollbringen.“ Im Gegenzug versetzten ihn die regelmäßigen Wehrübungen in die Lage, diverse Häfen in Europa kennen zu lernen: Ab 1998 wurde er sogar als Sachbearbeiter Seetransport ins Bundesverteidigungsministerium beordert.

Das Zentrum seiner Tätigkeit jedoch war immer die PA. Pfarres wichtigste Grundsätze – „Eigenverantwortung und Fähigkeit zur Selbstreflexion“ – galten dabei natürlich auch für ihn selbst: Regelmäßig bildete er sich fort, aus Zeitmangel auch in Fernkursen mit Kammerabschluss.

Eine der größten Herausforderungen der HHLA war das Inkraftreten der neuen Hafenordnung im Jahre 1970. Die Erfolgsgeschichte, die daraus entstand, ist bekannt. Der erforderliche Wandel setzte jedoch Vertrauen und konsequente Mitarbeiterorientierung als eine der zentralen Säulen des Erfolges voraus: „Wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen“, so Pfarre, „muss unsere Lerngeschwindigkeit und das daraus resultierende Handeln höher als die Veränderungsgeschwindigkeit sein.“ Diesen Transformationsprozess im Rahmen des PA-Instrumentariums – Berufsausbildung, Fachschule Personalentwicklung und -beschaffung, Beurteilungswesen und Entlohnungsgrundsätze – erfolgreich mitzugestalten war für Pfarre „eine tolle Herausforderung, für die es sich lohnte, viel Freizeit zu opfern.“

Trotz seiner Pensionierung ist der Wüsten-Fan Pfarre der HHLA, die er mal als „meine Heimat“ bezeichnete, weiterhin verbunden. Etwa als Prüfer bei der Handelskammer. Oder durch seine Tochter. „Wir folgten bei Einstellungen stets der Regel“, sagt Pfarre, „dass von zwei Bewerbern gleicher Eignung der eingestellt wurde, der Verbindung zur HHLA besaß. Aber für meine eigenen Kinder galt das nicht, das wäre nicht seriös gewesen.“ So arbeitet die Tochter erst im „Speicherstadtrathaus“, seit Jürgen Pfarre seinen Abschied genommen hat. Dafür – so viel Ironie erlaubt sich die Geschichte manchmal – im Segment Immobilien.