Mister Kreuzfahrt
50 / 23.08.2010
Joachim Köhn, 56, Geschäftsführer HCC Hanseatic Cruise Centers GmbH, über den Kreuzfahrtboom in Hamburg.
Es gibt viele Titel für Joachim Köhn. Einerseits Prokurist beim Ro/Ro-Terminal der Unikai Lagerei- und Speditionsgesellschaft, einer HHLA-Beteiligung, die Fahrzeuge aller Art verschifft. Andererseits könnte man ihn auch als Terminalchef oder Port-Captain bezeichnen. Der griffigste Begriff aber lautet: Mister Kreuzfahrt.
Diese Ehrenbekundung erhält der gelernte Reederei-Kaufmann, der auch das Kapitänspatent für Große Fahrt besitzt, wenn im Hamburger Hafen die meist schneeweißen Ozeanriesen anlegen. Was immer häufiger geschieht: Waren es in den Anfängen vielleicht vier, fünf Schiffe, die die Hansestadt ansteuerten, so sind es im Jahr 2010 erstmals mehr als 100.
Seit 1986 arbeitet der heute 56-Jährige im Hafen an Land, seit 1997 ist er mit der Kreuzschifffahrt befasst. „Dieses Reisesegment war in Deutschland lange unterentwickelt“, erklärt Köhn den Boom. „Doch seit die Produkte etwas legerer angelegt werden, sind die Zuwachsraten jährlich zweistellig.“
Mit sichtbaren Folgen. Das innenstadtnahe Hamburg Cruise Center (HCC) mit seiner bestechenden Architektur aus ausgedienten See-Containern wurde um eine zweite Halle ergänzt. Im April 2011 soll zudem in Nähe des Fischmarktes ein dritter Terminal eröffnet werden. Bis zu drei Schiffe gleichzeitig können dann in der hauptsächlich von April bis September dauernden Saison abgefertigt werden.
Aber auch mit weniger augenscheinlichen Ergebnissen. Denn die Abfertigung eines Kreuzfahrtschiffes ist diffizil. Der Wasserstand im Hafen variiert während der Liegezeit um dreieinhalb Meter. Container sind nicht einsetzbar, da die Schiffsluken zu klein sind und zudem unterhalb der Kaikante verschwinden. Das bedeutet viel Handarbeit, um die Gangways exakt anzulegen oder innerhalb weniger Stunden Proviant termingerecht zu übergeben. Mit seiner hanseatischen Ruhe gilt Köhn dabei dem Magazin „Deutsche Seeschifffahrt“ als „Herr im Chaos“, gleich, ob der Wasserschutz an Bord ist, Busse für die Passagiere zu koordinieren sind, mal eben 30 Tonnen Obst und Gemüse geladen oder Liegestühle ausgetauscht werden.
Köhn, der vom Kreuzfahrtcenter gern als einer „Manufaktur“ spricht, ist ein Meister der Improvisation. Anfangs hat er gar Pappmodelle der Schiffe gebastelt, um den optimalen Liegeplatz zu bestimmen. Gleichzeitig achtet er auf jedes Detail, hebt höchstpersönlich Papierschnipsel auf. „Eine Kreuzfahrt beginnt und endet im Terminal. Er ist eine Visitenkarte der Stadt“ sagt Köhn. „Dessen Eindruck bestimmt mit, ob man wieder kommt.“
Obwohl der Vater zweier erwachsener Söhne einer Seefahrerfamilie entstammt, liegen seine persönlichen Interessen eher fern des Hafens. Zwar besitzt der Nautiker ein eigenes Segelboot, doch häufiger findet man ihn im eigenen Garten als auf See. Obwohl, so ganz stimmt das auch nicht: In regelmäßigen Abständen unternimmt auch Joachim Köhn Kreuzfahrten. Wobei er, wie er lächelnd gesteht, nicht nur die Seele baumeln lässt. Sondern auch, quasi aus dem Augenwinkel, nach Optimierungsmöglichkeiten für das HCC schaut.
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