Das Netzwerk für Südosteuropa wächst
Mit der Inbetriebnahme des 2. Bauabschnitts ist das slowakische Dunajská Streda jetzt eines der größten Hub-Terminals Südosteuropas. Das Betreiberkonzept von METRANS zog schon Schuhhersteller Deichmann an, Cargo Partner plant 30.000 m² Lagerfläche und andere Unternehmen zeigen Interesse an der Region.
Es sieht aus, als sei jemand beim Sortieren der Legosteine unterbrochen worden: Die Absicht ist schon erkennbar, die Ordnung bleibt noch unsichtbar. Bunt stapeln sich die Stahlboxen in den grauen Winterhimmel. In den Schluchten dazwischen regieren Reachstacker – robuste Fahrzeuge, die bis zu 42 Tonnen schwere Container anheben und stapeln können. Gut 25 Meter weiter oben arbeiten die Bahnkräne. Die mächtigen Stahlkonstruktionen überspannen die 650 Meter langen Gleise und können einen Ganzzug von über 600 Metern Länge mit bis zu 92 Containern in nur drei Stunden entladen. Das moderne Waggonmaterial von mittlerweile mehr als 1.000 eigenen Tragwagen, die Metrans nach ihren Spezifikationen passgenau für den Containertransport bauen ließ, erleichtert die Arbeit.
Wie behält man in diesem Gewusel aus Boxen, Fahrzeugen, Zügen und Kränen den Überblick? Einer, der auf dem Metrans-Terminal im slowakischen Dunajská Streda dafür sorgt, dass alles an seinem Platz steht, ist Peter Lank. Ohne das Okay des 39-Jährigen passiert kein Lastwagen die Einfahrt des Terminals. Er und seine Leute von der Tracking-Abteilung kontrollieren und dokumentieren: Lieferscheine, Zollplomben, Containernummern und eventuelle Schäden. Die Daten gelangen direkt ins Rechensystem des Terminals, werden gespeichert und weitergeleitet. „So erfahren die Kranführer, welchen Container sie als Nächstes verladen müssen, oder die Reachstacker-Fahrer, welcher Lagerplatz für den Leercontainer bestimmt ist“, sagt Lank. Nach der Datenaufnahme erhält der Lastwagenfahrer eine Ladenummer. Wenn sie auf der großen Anzeigetafel neben dem Tor blinkt, darf er in die Be- und Entladezone fahren – sich seiner Fracht entledigen und eine neue Kiste schultern.
Dunajská Streda ist neben Prag-Uhrineves und Zlín der dritte Terminal der deutsch-tschechischen Gesellschaft Metrans, einer Mehrheitsbeteiligung des Hamburger Hafenlogistikers HHLA. Der Ort liegt als strategisch günstiges Einfallstor zur Karpatischen Tiefebene an der slowakisch-ungarischen Grenze zwischen Bratislava, Budapest und Wien. „Wir standen 2006 vor der Wahl: Erweitern wir den bestehenden Terminal im Stadtzentrum oder bauen wir neu am Stadtrand“, erklärt Metrans-Danubia-Geschäftsführer Peter Kiss. Die Entscheidung fiel für den Neubau. „Dort konnten wir selbst bestimmen, wo die Bahngleise verlaufen oder wie die Lagerplätze gebaut werden sollten.“ Am 1. Januar 2007 nahm der Terminal seinen Betrieb am neuen Standort auf. Aufgrund der dynamischen Entwicklung musste der Terminal bereits erweitert werden. Im Sommer 2009 ging der 2. Bauabschnitt in Betrieb.
Der erfolgreiche Terminal in Prag diente als Vorbild
Die Fracht kommt per Zug aus den Häfen in Hamburg und Bremerhaven oder wird dort hingebracht, direkt an die Kaimauern. Alle wichtigen Reedereien nutzen die 14 Zugabfahrten pro Woche. Von Dunajská Streda aus geht die Reise mit 10 Zugabfahrten wöchentlich weiter nach Ungarn, Österreich oder Slowenien. Als Vorbild für den Neubau diente Prag-Uhrineves, einer der größten Binnenterminals Europas. Metrans betreibt diesen Containerbahnhof seit 1992. Auf dem lang gestreckten Gelände vor den Toren der Prager Südstadt winden sich zwölf Kilometer Schienenstränge. Bis zu 25.000 Standardcontainer können hier gleichzeitig lagern. Auf Fremde wirkt das Gelände wie ein Labyrinth aus bunten Bauklötzen. Jirí Florián jedoch setzt seine Schritte zielsicher durch den Irrgarten. Er habe 1994 auf dem Terminal angefangen und gehöre schon zum Inventar, sagt er und schmunzelt. Früher half er den Rangierlokführern beim Zusammenstellen der Containerzüge. Heute ist Florián Einsatzleiter auf dem Terminal und sorgt dafür, dass die Container aus Hamburg oder Bremen ihre Anschlusszüge nach Osteuropa nicht verpassen.
Der Weg nach Hamburg ist für Tschechien die schnellste Verbindung zum Meer. Die Handelsrouten, auf denen heute Güterzüge verkehren, bewährten sich bereits im Mittelalter. Deutschland ist mit 31 Prozent der Exporte und 28 Prozent der Importe noch immer einer der wichtigsten Handelspartner der Tschechischen Republik. Rund 75 Prozent des Gütertransports zwischen Deutschland und Tschechien werden umweltfreundlich auf der Schiene abgewickelt. Nicht zuletzt dank Metrans, die mit ihren wöchentlich 84 Direktverbindungen zwischen Hamburg, Bremerhaven sowie Prag, Dunajská Streda, Zlín längst Marktführer ist.
Intelligentes Produktionskonzept: Shuttlezüge
Basis dieses Erfolgs, von dem auch der Hamburger Hafen und die tschechische Volkswirtschaft profitieren, ist ein intelligentes Produktionskonzept: Shuttlezüge, die beispielsweise auf den Containerbahnhöfen der Hamburger HHLA Terminals abgefertigt werden, sorgen für eine direkte und schnelle Verbindung. Alle sechs Stunden verlässt und erreicht ein Metrans-Zug Hamburg. Täglich gelangen so Hunderte Container aus den norddeutschen Häfen auf den Prager Terminal. Hier kommen sie entweder auf Lastwagen oder werden zu neuen Zügen zusammengestellt, denn viele Boxen fahren weiter gen Osten. 300 Mitarbeiter zählt Metrans in Prag-Uhrineves. 150 von ihnen haben direkt mit dem Umschlag der Container zu tun. Der Terminal ist mit modernster Technik ausgestattet. Drei Containerbrücken arbeiten nur für den Export, drei weitere für den Import. Daneben befindet sich auf dem Gelände eine Reparaturhalle, in der bis zu drei Güterwaggons gleichzeitig gewartet und repariert werden können. Im ersten Stock des Hauptgebäudes sitzt der Zoll. Metrans verfolgt eine Philosophie des umfassenden Kundendienstes rund um den Containertransport auf der Schiene und der Straße. Dazu gehören computergestützte Frachtverfolgung, die Erledigung von Zollformalitäten, der Weitertransport der Waren per Lkw und bei Bedarf auch die Lagerung, Reinigung und Reparatur der leeren Container.
Ausbau in der Slowakei geht weiter
Auch Peter Kiss richtet den Terminal in Dunajská Streda an dieser Philosophie aus. Der Erfolg gibt ihm Recht. Seit Inbetriebnahme konnte die Zahl der dort umgeschlagenen Container rasant gesteigert werden. 2007 gingen knapp 275.000 TEU über den Terminal, 2008 waren es bereits gut 100.000 mehr. Trotz allgemeiner Wirtschaftskrise, die 2009 auch hier die Umschlagmengen insbesondere Richtung Ungarn sinken ließ, wird weiter investiert. Die slowakische Logistikdrehscheibe soll die Dimensionen ihrer großen Schwester in Prag bekommen, so plant es Metrans. Dazu wurde bereits ein dritter Portalkran wurde angeschafft, vier neue Gleise und zusätzliche Lagerfläche entstanden. Damit wurden Effizienz und Abfertigungsqualität deutlich erhöht, erklärt Peter Kiss. „Bisher müssen die zwei Bahnkräne noch zu weite Strecken zurücklegen. Mit dem dritten verkleinern sich die Aktionsradien. Das macht uns schneller.“
Nicht nur der Terminal wächst. Auch an seinen Rändern wirkt sich die Dynamik ansteckend aus. Der Schuhhersteller Deichmann eröffnete in direkter Nachbarschaft zum Terminal gerade sein fünftes Distributionszentrum mitsamt Verwaltung, und noch in diesem Jahr will Cargo Partner mit dem Bau von 30.000 m² Lagerfläche beginnen. Andere Unternehmen zeigen ebenfalls Interesse, sich an dem größten Terminal in der Region - inklusive Wien und Budapest – nieder zu lassen. Es wird offensichtlich, dass die Westslowakei sich auf gutem Wege zu einem der größten Logistikzentren Mitteleuropas befindet.
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